Leben auf dem Neptun

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Das Reich der zweifüßigen Tiere

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Wir haben schon bei Gelegenheit der Darstellung des Planeten Saturn recht klärlich erfahren, daß in einem jeden Planeten sich ähnliche oder verwandte Dinge vorfinden, wie sie auf einem andern Planeten vorhanden sind, der zu einer und derselben Sonne gehört. - Somit können wir auch sicher annehmen, daß auf diesem Planeten, den wir soeben vor unseren Augen haben, auch sicher ähnliche Tiere wie auf unserer Erde vorkommen, welche freilich wohl in den einzelnen Teilen sich von den unsrigen unterscheiden, sowohl in der Gestalt als in der Größe und Farbe; aber nicht nur die Tiere unseres Erdkörpers, sondern auch die Tiere anderer Planeten existieren hier unter manchen Abartungen, sowohl der Größe als der Form und der Farbe nach. Denn auf diesem Planeten gibt es allein über hunderttausend Tiergattungen der Vierfüßler, welche nicht der Metamorphose unterliegen. - Denket euch erst das Heer derjenigen Tiere, die man dort die Übergangstiere nennt; endlich das ebenso sehr zahlreiche Reich der Zweifüßler. Daraus wird wohl klar werden, welche Zeit es benötigen würde, um jede Gattung dieser Tiere beschaulich darzustellen.

Daher genüge für das ganze Tierreich dieser allgemeine Überblick und zugleich die Versicherung, daß es beinahe auf keinem Planeten so wesensbunt wie auf diesem zugeht, - ohne daß darum der Mensch in irgendeiner Sphäre seines Seins und Wirkens beeinträchtigt wird. Denn des Platzes, von dem solche Tiergenerationen allein Besitz nehmen können, gibt es eine Menge - und das von großer Ausdehnung. - Besonders dienen dazu die transmontanischen Ufergegenden der Meere, in denen es wahrhaft wimmelt von Wesen aller Art, welche nur selten, und manche gar nie, über die beiden großen Gebirgszüge kommen, um im eigentlichen, für Menschen bewohnbaren Lande ihre Wohnung aufzurichten; und kommen auch manchmal einige über diese Gebirge, so werden sie als Fremdlinge auch gar bald wieder von den landeinheimischen Tieren zum Rückzug genötigt. Da wir sonach mit den Vierfüßlern nichts Besonderes mehr unternehmen wollen, so wenden wir uns sogleich zu den Zweifüßlern hinüber.

Sind es Vögel oder Affen? Denn diese zwei Tiergattungen sind wohl so beschaffen, daß sich der Vogel auf zwei Füßen bewegen muß, und der Affe sich zumeist auf seinen zwei Hinterbeinen bewegen kann. Mit diesen Zweifüßlern hier hat es eine ganz andere Bewandtnis; denn sie sind weder Vögel noch Affen. - Ihr werdet euch vielleicht hier denken, daß darunter etwa gar eine Art Viertel-, Drittel oder Halbmenschen zu verstehen sind? - Auch dieses ist nicht der Fall; denn diese Tiere haben nicht selten mit dem Menschen kaum die allergeringste Ähnlichkeit. Jetzt fragt es sich erst, was denn das eigentlich für Tierwesen sind? - Sehet, da auf diesem Planeten schon alles einen gewissen wunderbaren Anstrich hat, so ist es auch mit dieser nur allein diesem Planeten eigentümlichen Tiergattung der Fall. Im Grunde ist es nichts anderes, als eine Wiederholung sämtlicher vierfüßigen Tiere, die sich aber statt auf vier Füßen allein nur auf zwei Füßen bewegen. Was die Körper anbetrifft, so besteht in den Formen bloß darin ein Unterschied, daß sie durchaus mehr als ums Fünffache kleiner sind als die der eigentlichen Vierfüßler, und daß die zwei Füße natürlicherweise etwas verschiedener sind als die Vorder- oder Hinterfüße der Vierfüßler. Denn fürs erste sind die zwei Füße im Verhältnis durchaus stärker als bei den Vierfüßlern; und fürs zweite sind die Tritte der Füße gedehnter und ausgezeichneter. Sie sind aber dessenungeachtet von den Füßen des Menschen dadurch allgemein unterschieden, daß sie die Knie ihrer Füße nach rückwärts haben, während der Mensch sie nach vorwärts hat. Ein besonders merkwürdiger Unterschied der Füße dieser Zweifüßler von denen der Vierfüßler besteht darin, daß die Füße dieser Zweifüßler vom Bauche bis zum Knie mit einer sehr leichten und dehnbaren Haut verbunden und somit gewisserart zusammengewachsen sind, welche Haut aber dessen ungeachtet diese Tiere nicht im geringsten in ihrem Gehen behindert.

Weshalb diesen Tieren solche Haut gegeben ist, wird sich im Verfolg ganz klar zeigen. Wenn diese Tiere große, weitgedehnte, vogelartige Krallentritte haben, so sind diese Krallen mit einer solchen Haut verbunden, die Füße aber dann nur bis zum Knie mit der vorbenannten Haut versehen. Diejenigen Tiere, deren Füße bis zum Tritt mit der Haut verbunden sind, haben in der Gegend, da der Hals den Leib verläßt, verhältnismäßig große und starke Fächerarme, nicht unähnlich den Flossen der Fische bei uns. Diejenigen Tiere aber, die da nur bis zum Knie mit der Haut bewachsen sind, da sie behäutete Krallen besitzen, haben diese Fächerarme nicht, dafür aber einen ziemlich langen, ebenfalls fächerartigen Schweif. Diese Tiere sind darum so eingerichtet, weil sie samt und sämtlich Bewohner des Landes sowohl als auch der Luft sind, - fast auf dieselbe Weise wie bei uns die Fledermäuse und noch andere Flattertiere. - Alle diese Tiere können sich, zufolge einer in ihrem Organismus entwickelten, überaus feinen und leichten Luftgattung, gleich unseren Ballonen in die auf diesem Planeten besonders intensive Luft erheben; und wann sie sich also in die Luft erhoben haben, so können sie mittels dieser Zwischenfußhaut und der Fächerarme, oder mittels der Krallenhäute und des Fächerschweifes, in der Luft sich nach allen Richtungen so geschickt bewegen wie die Flattertiere bei uns. Der Zweck der Tiere: Fürs erste bilden sie in metaphysischer Hinsicht die Übergangsstufe vom eigentlichen Tierreich zum Menschen. Fürs zweite aber sind sie in naturmäßiger Hinsicht die in diesem Planeten allernotwendigsten und allerbewährtesten Luftreiniger. Denn wie sehr die Luft dieses Planeten nicht selten bis zu einer Höhe von fünfzig bis hundert deutschen Meilen (320 – 750 km) mit allerlei meteorischen und zugleich metamorphosischen Tier- oder mitunter auch Pflanzenwesen erfüllt und belebt ist, wurde zum Teil schon erwähnt.

Aber es bleibt uns noch dessenungeachtet ein Bedeutendes zu erwähnen übrig, und ihr könnt es mit größter Zuversicht annehmen, daß sich dergleichen Erscheinungen besonders gegen die Abendzeit so anzuhäufen anfangen, daß darob die Sonne so gänzlich verfinstert wird, wie solches bei uns noch gar nie, außer einer totalen Finsternis, bemerkt wurde. Wenn denn eine solche meteorische oder metamorphosische Erscheinung im Anzuge ist, dann erheben sich auch bald Millionen solcher Tiere mit ungemeiner Steigschnelligkeit von den Gebirgen, manchmal auch mehr unwirtlichen Tälern und Gräben, und erreichen gar bald eine solche meteorische oder metamorphosische Wolke. Daß diese Tiere hier eine ihnen wohlschmeckende Mahlzeit halten, braucht kaum erwähnt zu werden. Sie speisen nicht selten eine über hundert Kubikmeilen große inhaltsschwere Wolke in einem Zeitraum von wenigen Stunden beinahe ganz rein auf. Daß solches dann für die Menschen eine große Wohltat ist, braucht ebenfalls kaum erwähnt zu werden. Auch das auf diesem Planeten fast durchgängig metamorphosische Reich der Vögel, welches ebenfalls in jeder Hinsicht sehr reichhaltig ist, wird von diesen Gästen in gehörigem Zaume gehalten. Ihr werdet hier fragen: Fallen aber diese sonderbaren Zweifüßler nicht auch mitunter den Menschen zur Last? - O nein! Denn diese Tiere sind überaus scheu und bewohnen daher stets nur solche Punkte, Plätze und Gegenden des Landes dieses Planeten, die sonst für Menschen und auch andere Tiere nicht leicht zugänglich sind, oder, wo sie noch zugänglich sind, in einer solchen unwirtlichen Nacktheit erscheinen, daß Menschen und andere Wesen hier nicht viel zu suchen haben.

(JL-NS Kap 60)

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